Shireen Abu Akleh

palästinensisch-amerikanische Journalistin

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Shireen Abu Akleh - house.jpg

Shireen Abu Akleh (arabisch شيرين أبو عاقلة, DMG Šīrīn Abū ʿĀqila; auch Schirin Abu Akle; * 3. Januar 1971 in Jerusalem; † 11. Mai 2022 in Dschenin[1]) war eine palästinensisch-amerikanische Journalistin. Sie arbeitete 25 Jahre lang als Reporterin für den arabischsprachigen Sender Al Jazeera, bevor sie am 11. Mai 2022 bei der Berichterstattung über eine Operation der israelischen Armee in Dschenin im Westjordanland durch einen Schuss getötet wurde. Für ihren Tod machen sich Palästinenser und Israelis gegenseitig verantwortlich.

Frühes Leben und Ausbildung

Abu Akleh wurde 1971 in Jerusalem geboren. Ihre Familie gehört zur arabisch-christlichen Minderheit.[2] Sie besuchte die Sekundarschule in Beit Hanina und studierte anschließend zunächst Architektur an der Jordanischen Universität für Wissenschaft und Technologie. Später wechselte sie an die Yarmuk-Universität in Jordanien, wo sie einen Bachelor in Printjournalismus erwarb. Nach ihrem Abschluss kehrte Abu Akleh in die Palästinensischen Autonomiegebiete zurück.[3]

Karriere

Abu Akleh arbeitete als Journalistin für Radio Monte Carlo und für die Stimme Palästinas, außerdem arbeitete sie für das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA), den Amman Satellite Channel und die 1998 von Hanan Aschrawi gegründete palästinensische Initiative zur Förderung von globalem Dialog und Demokratie (MIFTAH).[4] Sie arbeitete von 1997 bis zu ihrem Tod als Journalistin für den Nachrichtensender Al Jazeera und wurde als Reporterin des arabischsprachigen Programms bekannt.[4][5] Laut Inga Rogg, der Israel-Korrespondentin der Neuen Zürcher Zeitung, war Abu Akleh die berühmteste palästinensische Journalistin in der Konfliktregion.[6] Sie lebte und arbeitete in Ostjerusalem und berichtete über wichtige regionale Ereignisse. So berichtete sie unter anderem über die Zweite Intifada, den Einmarsch des israelischen Militärs in das Flüchtlingslager in Dschenin im Jahr 2002, den Tod von Jassir Arafat und über israelische Politik.[7]

Tod

Das palästinensische Gesundheitsministerium gab am 11. Mai 2022 bekannt, Abu Akleh sei erschossen worden, als sie über einen Einsatz des israelischen Militärs in einem Flüchtlingslager in Dschenin berichtete.[8] Über die Hintergründe dieses Einsatzes gab die israelische Armee kaum Informationen; angenommen wird, dass ein Zusammenhang mit Terroranschlägen im April und Mai 2022 besteht, die von Tätern aus dem Raum Dschenin verübt wurden.[9] Abu Akleh meldete sich letztmals um 6.13 Uhr bei ihrer Redaktion und teilte mit, sie sei auf dem Weg nach Dschenin.[10] Abu Akleh trug einen Helm und eine Splitterschutzweste, die sie als Pressevertreterin kenntlich machten.[5] Sie erlitt einen Kopfschuss und wurde in das Ibn-Sina-Krankenhaus gebracht, wo sie um 7.15 Uhr für tot erklärt wurde.[8][11] Welche Seite die Verantwortung trägt, ist noch nicht klar.[12][13][14]

Ali al-Samoudi, einem Journalisten der Zeitung Al-Quds, wurde bei dem Vorfall in den Rücken geschossen; er überlebte jedoch. Zwei weitere Palästinenser wurden verletzt in ein Krankenhaus gebracht.[5][10]

Palästinensische Ermittlungen

Die Autopsie Shireen Abu Aklehs wurde im Pathologischen Institut der Universität Nablus durchgeführt. Das tödliche Geschoss stammte aus einer Patrone des Typs 5,56 × 45 mm NATO. Diese Munitionsart wird sowohl von Palästinensern als auch von israelischen Einheiten genutzt. Die palästinensischen Ermittler erklärten in einer vorläufigen Stellungnahme, es sei unmöglich, festzustellen, ob der Schuss von einem israelischen Soldaten oder einem Palästinenser abgefeuert worden sei. Jedoch sei Abu Akleh nicht aus unmittelbarer Nähe erschossen worden.[14]

Die palästinensischen Ermittler lehnen eine gemeinsame Untersuchung mit den israelischen Behörden ab; nach israelischen Presseberichten vermitteln die Vereinigten Staaten zwischen beiden Seiten.[15]

Israelische Ermittlungen

Nach ersten israelischen Darstellungen gerieten israelische Einheiten im Flüchtlingslager von Dschenin unter Feuer und wurden mit Explosivmaterialien beworfen. Daraufhin hätten Angehörige der Spezialeinheit Jechidat Duvdevan das Feuer erwidert.[5][14] Eine Untersuchung, ob militante Palästinenser für die Schüsse auf die Journalisten verantwortlich seien, wurde eingeleitet.[5][16] Die israelische Regierung verbreitete ein Video, das einen vermummten Palästinenser zeigt, der mit einem Maschinengewehr um sich schießt. Nach Recherchen von B’Tselem und Haaretz wurde dieses Video jedoch mehrere hundert Meter entfernt vom Tatort aufgenommen. Zudem befinden sich zwischen beiden Orten mehrere Gebäude.[17][18][19] Im weiteren Verlauf gab ein Vertreter des israelischen Militärs an, man könne derzeit nicht feststellen, wer für den Tod der Journalistin verantwortlich sei.[20]

Am 12. Mai informierte ein Mitarbeiter der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF), der anonym blieb, die Presse über die laufenden Ermittlungen. Das Militär untersuche die Möglichkeit, dass Shireen Abu Akleh von einer israelischen Kugel getroffen worden sei. Dazu würden drei Schusswechsel mit IDF-Beteiligung analysiert. Die Ermittlungen konzentrierten sich auf einen Vorfall, der sich etwa 150 Meter entfernt von dem Ort, wo sich Abu Akleh befand, auf einer Straße ereignet habe: Ein Fahrzeug des israelischen Militärs sei von einem oder mehreren militanten Palästinensern beschossen worden. Die Soldaten hätten aus dem Fahrzeug heraus das Feuer erwidert. Ein Soldat habe bei klarer Sicht mit einem M16-Sturmgewehr auf einen Kämpfer geschossen. Untersucht werde, wo genau sich die Journalistin in diesem Moment befunden habe.[15]

Reaktionen

Auf Grund interner Informationen und Aussagen bei dem Vorfall anwesender anderer Journalisten beschuldigte Al Jazeera das israelische Militär, für die Erschießung der Journalistin verantwortlich zu sein.[21] Der Büroleiter von Al Jazeera in Ramallah, Walid Al-Omari, erklärte, es seien keine Schüsse von palästinensischen Bewaffneten gefallen.[8] Der Sender stützt sich dabei auf die Aussagen des bei dem Vorfall verletzten al-Samoudi.[10] Die bei dem Einsatz ebenfalls anwesende palästinensische Journalistin Shatha Hanaysha sagte, das Feuer auf die Journalistengruppe sei von Scharfschützen gekommen. Abu Akleh sei gezielt getötet worden.[22] Al Jazeera bezeichnete die vermeintliche Ermordung von Abu Akleh als ein entsetzliches Verbrechen, das gegen internationale Normen verstoße und „kaltblütig“ begangen worden sei.[5] Der Geschäftsführer des Senders, Giles Trendle, erklärte, dass der Sender „schockiert und betrübt“ über den Tod von Abu Akleh sei, und forderte eine transparente Untersuchung.[8] Das Emirat Katar machte sich die Sicht des dort ansässigen Senders Al Jazeera zu eigen; das Außenministerium verurteilte „die Ermordung (der Journalistin) durch israelische Besatzungstruppen.“[23]

Mahmud Abbas, Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde, erklärte, dass er die vollständige Verantwortung für den Tod von Abu Akleh bei den israelischen Streitkräften sehe, und bezeichnete diesen als „kaltblütigen Mord“.[24] Hussein al-Sheikh, Minister der palästinensischen Autonomiebehörde, twitterte, dass dies ein Verbrechen sei, um das Wort zum Schweigen zu bringen, und die Wahrheit durch Kugeln der israelischen Besatzer ermordet worden sei.[5] Der israelische Premierminister Naftali Bennett beschuldigte die palästinensische Regierung, vorschnell Israel zu beschuldigen und eine Untersuchung der Vorfälle zu behindern.[24][25]

Tom Nides, der amerikanische Botschafter in Israel, forderte eine gründliche Untersuchung der Umstände ihres Todes.[22] Die Generaldirektorin der UNESCO, Audrey Azoulay, erklärte, die Tötung einer eindeutig als solche erkennbaren Pressevertreterin in einem Konfliktgebiet verletze das Völkerrecht. Dieses Verbrechen müsse untersucht und die Verantwortlichen vor Gericht gestellt werden.[26] Der Generalsekretär von Reporter ohne Grenzen, Christophe Deloire, sprach von einem „offensichtlichen Bruch mit der Genfer Konvention“ und forderte eine internationale, unabhängige Untersuchung.[23]

Begräbnis

Als der Sarg von Shireen Abu Akleh zur Beerdigung getragen wurde, kam es zu Zusammenstößen zwischen trauernden Palästinensern und der Polizei (13. Mai 2022)

Nachdem am Donnerstag, dem 13. Mai eine Trauerfeier der Palästinensischen Autonomiebehörde in Ramallah stattgefunden hatte, wurde Shireen Abu Akleh am 13. Mai auf dem katholischen Friedhof auf dem Zionsberg in Jerusalem neben dem Grab ihrer Eltern beigesetzt. Tausende Palästinenser schlossen sich dem Trauerzug an. Es kam zu Zusammenstößen zwischen der Trauergemeinde und der israelischen Polizei. Nach Darstellung der Polizei wurden Beamte mit Steinen und anderen Objekten beworfen. Sie sei zum Eingreifen gezwungen gewesen, als "gewaltsame Randalierer versucht haben, den Verlauf der Beisetzung zu stören".[27][28] Die israelischen Beamten griffen dabei, wie auf den weltweit verbreiteten Fernsehbildern zu sehen war, auch Träger des Sarges an, der dabei beinahe zu Boden gefallen wäre.[29]

Der Polizeieinsatz wurde vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen verurteilt. Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, ließ über einen Sprecher verlauten, er sei „tief verstört“ über das Verhalten einiger israelischer Polizisten. Der Außenbeauftragte der Europäischen Union, Josep Borrell, beklagte die „unverhältnismäßige Anwendung von Gewalt und das respektlose Verhalten der israelischen Polizei gegenüber den Teilnehmern des Trauerzuges“.[28][29]

Weblinks

Commons: Shireen Abu Akleh – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Raja Abdulrahim: Al Jazeera Journalist Is Killed During Clashes in West Bank. In: The New York Times. 11. Mai 2022, abgerufen am 11. Mai 2022 (amerikanisches Englisch).
  2. Hadas Gold, Abeer Salman: Thousands mourn slain journalist Shireen Abu Akleh as Palestinians call for accountability. In: cnn.com. 12. Mai 2022, abgerufen am 12. Mai 2022 (englisch).
  3. Shireen Abu Akleh remembered as one of Arab world’s leading journalists. In: The Times of Israel. 11. Mai 2022, abgerufen am 12. Mai 2022 (englisch).
  4. a b Nadeen Ebrahim, Abbas Al Lawati: Shireen Abu Akleh, journalist killed in the West Bank, was ‘the voice of Palestinian suffering’. In: cnn.com. 12. Mai 2022, abgerufen am 12. Mai 2022 (englisch).
  5. a b c d e f g Jack Khoury: Al Jazeera Reporter Killed, Another Journalist Wounded in Israeli Army Raid in Jenin. In: Haaretz.com. 11. Mai 2022, abgerufen am 11. Mai 2022 (englisch).
  6. Inga Rogg: Mord oder Feuergefecht? – Trauerfeier für Al-Jazira-Reporterin Schirin Abu Akle in Ramallah. In: srf.ch. 12. Mai 2022, abgerufen am 12. Mai 2022.
  7. Martin Chulov: Shireen Abu Aqleh killing: ‘She was the voice of events in Palestine’. In: The Guardian. 12. Mai 2022, abgerufen am 12. Mai 2022 (englisch).
  8. a b c d Israeli forces shoot dead Al Jazeera journalist. In: Al Jazeera. 11. Mai 2022, abgerufen am 11. Mai 2022 (englisch).
  9. David Horovitz: The narratives are set in the death of Shireen Abu Akleh. We need the truth. In: The Times of Israel. Abgerufen am 12. Mai 2022 (englisch).
  10. a b c Christian Meier: Wessen Schuss traf Shireen Abu Akleh? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. Abgerufen am 12. Mai 2022.
  11. Shatha Hammad: Al Jazeera journalist Shireen Abu Akleh shot dead during Israeli raid in the West Bank. In: Middle East Eye. 11. Mai 2022, abgerufen am 11. Mai 2022 (englisch).
  12. Peter Münch: Journalistin von Al Jazeera im Westjordanland getötet. In: sueddeutsche.de. 11. Mai 2022, abgerufen am 11. Mai 2022.
  13. Al-Dschasira-Journalistin im Westjordanland erschossen. In: tagesschau.de. 11. Mai 2022, abgerufen am 11. Mai 2022.
  14. a b c Palestinians refuse joint Israeli probe into reporter’s death; won’t transfer bullet. In: The Times of Israel. 12. Mai 2022, abgerufen am 12. Mai 2022 (englisch).
  15. a b Shira Rubin, Steve Hendrix: Israel, in shift, investigates possibility IDF soldier killed American journalist. In: cnn.com. 12. Mai 2022, abgerufen am 13. Mai 2022 (englisch).
  16. Hadas Gold, Abeer Salman, Amir Tal: Al Jazeera journalist Shireen Abu Akleh shot dead while covering Israeli military operation in West Bank. In: cnn.com. 11. Mai 2022, abgerufen am 11. Mai 2022 (englisch).
  17. Inga Rogg: Journalistin von al-Jazeera wird während Zusammenstössen im Westjordanland getötet. In: Neue Zürcher Zeitung. 11. Mai 2022, abgerufen am 12. Mai 2022.
  18. Louis Imbert: With the death of Shireen Abu Akleh, Israel faces its responsibilities as an occupier. In: Le Monde. 12. Mai 2022, abgerufen am 12. Mai 2022 (englisch).
  19. Deiaa Haj Yahia: Palestinian Gunman in IDF Video Unlikely to Have Killed Al Jazeera Journalist. In: Haaretz. 12. Mai 2022, abgerufen am 13. Mai 2022 (englisch).
  20. Bethan McKernan: Al Jazeera accuses Israeli forces of killing journalist in West Bank. In: theguardian.com. 11. Mai 2022, abgerufen am 11. Mai 2022 (englisch).
  21. Palästinenser wollen keine Zusammenarbeit mit Israel bei Ermittlungen zum Tod der Al-Dschasira-Journalistin. In: deutschlandfunk.de. 12. Mai 2022, abgerufen am 12. Mai 2022.
  22. a b Bill Chappell, Daniel Estrin: Al Jazeera’s Shireen Abu Akleh is killed while reporting on an Israeli raid. In: npr.org. 11. Mai 2022, abgerufen am 12. Mai 2022 (englisch).
  23. a b Al-Jazeera-Reporterin bei israelischem Einsatz getötet. In: Der Standard. 11. Mai 2022, abgerufen am 11. Mai 2022.
  24. a b Al Jazeera journalist killed during Israeli raid in West Bank. Reuters, 12. Mai 2022, abgerufen am 12. Mai 2022 (englisch).
  25. Jonathan Guyer: The killing of Palestinian-American journalist Shireen Abu Akleh, explained. In: vox.com. 11. Mai 2022, abgerufen am 12. Mai 2022 (englisch).
  26. UN fordert Untersuchung der Ermordung der Al-Jazeera-Journalistin Shireen Abu Akleh. UNRIC – Regionales Informationszentrum der Vereinten Nationen, 12. Mai 2022, abgerufen am 12. Mai 2022.
  27. Police rush crowds at Al Jazeera reporter’s funeral; her casket nearly falls. The Times of Israel, 13. Mai 2022, abgerufen am 13. Mai 2022 (englisch).
  28. a b Salzburger Nachrichten: Gewalt bei Beisetzung von Journalistin in Jerusalem. 13. Mai 2022, abgerufen am 13. Mai 2022.
  29. a b Mort de Shireen Abu Akleh : des obsèques bouleversées par des violences de la police israélienne. In: lemonde.fr. 13. Mai 2022, abgerufen am 13. Mai 2022 (französisch).
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